Antje über sich, in fünf Episoden

“Wirf dein Herz über den Zaun und spring hinterher!”

Mit siebzehn Jahren wog ich bei ein paar Zentimetern über 1,60 ein paar Kilo unter 40. Ich zählte zwanghaft Kalorien und hatte Phasen, in denen ich fast ausschließlich Obst und Brot gegessen habe. Das ging schon ein paar Jahre so, und inzwischen ekelte ich mich vor mir selbst und bemitleidete mein ungläubiges Am-Fenster-Kleben vor den Patisserien in Paris, wo ich ein Schulhalbjahr verbracht hatte. Angekommen in der für mich neuen Stadt Berlin begab ich mich deshalb in eine Selbsthilfegruppe für von  Anorexie und Bulimie betroffene junge Frauen. Dort musste ich peinlich berührt und zugleich unendlich dankbar feststellen, dass ich gegenüber den anderen Teilnehmerinnen  nicht nur fit und gesund sondern völlig wohl proportioniert wirkte. Kurzum, die anderen jungen Frauen sahen aus wie Gespenster, eingefallene Wangen, fahle, gräuliche Haut, strähnige Haare, keinerlei Oberweite, knochige Gliedmaßen, und hatten bereits Klinikaufenthalte einschließlich Zwangsernährung hinter sich. Beim Vergleich mit diesen Schicksalen schämte ich mich sehr und beschloss, meine Situation selber zu lösen. Mit Erfolg. In kleinen Schritten, in quasi selbst verordneter Verhaltenstherapie. Ich möchte das ausdrücklich nicht so verstehen, dass man sich in einer Situation wie meiner keine therapeutische oder sonstige professionelle Hilfe  suchen sollte, im Gegenteil. Aber für mich war es der richtige und ein sehr charakteristischer Weg. Ich mache gerne tiefgehende, intensive, teils auch schmerzhafte Erfahrungen, wenn ich danach das Gefühl habe, etwas wirklich er- und durchlebt zu haben, und genau zu wissen, wovon ich rede.

Die Semesterferien zwischen meinem dritten und vierten Studiensemester verbrachte ich in Lomé, der Hauptstadt Togos, als Praktikantin bei einer lokalen NGO, die sich im Kampf gegen HIV/Aids engagierte. Ich verliebte mich in einen Kollegen und begab mich mit ihm zur deutschen Botschaft, um ein Visum zu beantragen, mit dem er mich in Deutschland besuchen kommen sollte, damit wir unsere Beziehung nach meiner Abreise fortsetzen konnten. Die zuständige Botschaftsmitarbeiterin wollte sich aber nicht auf ein gemeinsames, auf Französisch geführtes Gespräch über die Voraussetzungen und Verfahren zur Visa-Erteilung einlassen. Nein, sie unterbrach uns sehr schnell mit den ausschließlich an mich gerichteten deutschen Worten: „Sie machen sich doch lächerlich, der will Sie doch nur ausnutzen, um nach Europa zu kommen.“ Mit diesen Sätzen begann die bisher schlimmste Phase meines Lebens, die mich nachhaltig traumatisiert und verunsichert hat. Ich weiß deshalb, wie es sich anfühlt, wenn man in einem sogar vermeintlich liberalen familiären und sozialen Umfeld versucht, eine Beziehung mit einem Menschen aus einem sehr viel ärmeren Land, mit einer anderen Hautfarbe und einer anderen Religion zu führen. Inzwischen habe ich auch Erfahrungen damit, was passiert, wenn man Beziehungen mit einem deutlichen Altersunterschied, mit einem Menschen gleichen Geschlechts und gleichzeitig mit mehreren Menschen lebt. Ich habe gelernt, mir zu verzeihen, dass meine Liebe nicht immer alle sozialen Hindernisse überwinden konnte, als ich noch nicht mit mir selbst im Reinen war.

„Sie lernen im Zug für Ihr Examen? Na, wenn Sie das können, dann kann ja nichts mehr schiefgehen“, so ein Professor für Familienrecht, der auf einer Fahrt im ICE von München nach Köln neben mir saß. Wie kam es dazu? Mein akademisches Jahr 2006/07 begann damit, dass ich die Entscheidung traf, ein soeben zugesagtes Stipendium zu 100% in eine BahnCard 100 zu investieren. Ich fuhr wöchentlich einmal quer durch die Bundesrepublik, montags in der Regel von München nach Berlin, donnerstags von Berlin nach Köln und samstags von Köln nach München. Basis war meine Studentenbude in Köln, wo ich am Examensvorbereitungskurs teilnahm. In Berlin kam ich meinen Stipendienverpflichtungen nach, während ich bei meinen Eltern quartierte. In München war der Sonntag das kleine Freizeitfenster bei meinem Freund. Und im Zug? Habe ich (sehr erfolgreich) für mein erstes Staatsexamen gelernt. Immer mit dabei mein Laptoprucksack, die Jura-Skripte und mein Kulturbeutel. Kleidung hatte ich strategisch verteilt. Als die BahnCard 100 auslief, gönnte ich mir noch eine kleine private Reise nach Lübeck und Weimar auf den Spuren Thomas Manns und Goethes. Die (aus Sicht meines Studenten-Budgets) horrende Investition hat sich gelohnt: Mein BahnCard 100-Jahr war ein Jahr voller Freiheit. Und Freiheit ist bis heute mein Lebensthema.

Als ich mich nach dem ersten Staatsexamen dazu entschied, doch nicht direkt zu promovieren, sondern stattdessen als Junior-Entwicklungshelferin in Kamerun zu arbeiten, teilte ich meiner Kollegin am Lehrstuhl mit, dass ich entsprechend kündigen werde. „Oh, lass das besser mich dem Professor mitteilten, er ist doch so jähzornig“, sagte sie zu mir. Der Dank für ihr Engagement war, dass der Professor ob dieser Mitteilung mit einem Schlüsselbund nach ihr warf – etwas, was er sich bei mir meiner Meinung nach nicht getraut hätte. Diese Begebenheit ist für mich symptomatisch für meine Erlebnisse an der Uni – immer wieder hoch gelobt, ohne etwas besonderes zu leisten, immer wieder enttäuscht vom fehlenden wissenschaftlichen Niveau, dennoch beglückt durch die Freiheit, selber denken zu dürfen, enthusiastisch beim Weitergeben des Erlernten, traurig über das, was heutzutage als Frauenförderung verstanden wird, zuletzt abgeschreckt durch die „Ochsentour“ hin zu einer Professur.

Bevor ich Mutter wurde, hatte ich mir keinerlei Gedanken über „Vereinbarkeit“ und „Betreuung“ gemacht. Ich dachte, es wäre sonnenklar, dass meine Tochter im Sommer nach ihrem ersten Geburtstag in eine teure private KiTa mit offenem bilingualem Konzept, Streichel-Kaninchen und vor Ort gekochtem zuckerfreien Bio-Essen geht. Und dass es selbstverständlich wäre, dass Eltern sich heutzutage Familien- und Erwerbsarbeit gleichberechtigt teilen und dies von Arbeitgebern, Sozialsystemen und Gesellschaft anerkannt wäre. Naiv? Vielleicht. Jedenfalls hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt, dass die engen Baby-Kuschelmonate es mit sich bringen würden, dass ich mir für meine Tochter keine Fremdbetreuung vorstellen konnte. Aber war es überhaupt das Kuscheln? Oder waren es nicht vielmehr die vielen Kommentare, wie wir mit unserer Tochter umgehen oder nicht umgehen sollten, die mich nachdenklich machten? Denn was wäre, wenn die Menschen, zu denen wir sie geben würden, diese Ratschläge, die wir gar nicht gebrauchen konnten, umsetzen würden? Und unsere Tochter behandeln würden, wie wir es nie tun würden? Und dabei hatte ich so wenig wie möglich im Internet gelesen. Nichts zu Familienbett, Tragen, Baby lead weaning, Bindungsorientierung, unerzogen, kitafrei. Es war alles intuitiv. In jedem Fall rückten „bilingual“ und „zuckerfrei“ in weite Ferne. Im Vordergrund steht Ausprobieren, Freiraum lassen, Bedürfnisse ernst nehmen und respektieren, positive Selbstwirksamkeitserfahrungen machen.